Wenn Mutti früh zur Arbeit geht

Im Jahr 2023 verbrachte Gloria Sogl eine zweiwöchige künstlerische Residenzzeit in der Stadt Weißwasser/Oberlausitz. Ein großes Anliegen während dieser Zeit war es, den Materialitäten vor Ort, den Spuren und Lebensgeschichten der Stadt Weißwasser aus einer persönlichen Perspektive und Position der Nicht-Betroffenheit heraus – Sogl hat keinen persönlichen, bzw. familiären Bezug zur ehemaligen DDR – sensibel begegnen zu können. Aus dem Interesse der Künstlerin an einer Geschichte geschlechtsspezifischer, vorwiegend „weiblicher“ Arbeit heraus begab sich Sogl im Archiv des Glasmuseums Weißwasser auf die Suche nach Bildmaterial arbeitender Frauen in der Glasindustrie Weißwasser. Des Weiteren recherchierte sie im historischen Archiv Weißwassers nach Zeitungsartikeln die in den Jahren 1975-1980 am 8.März, dem Internationalen Frauentag, veröffentlicht wurden.

Während in der DDR betont wurde, dass nur die Berufstätigkeit die volle Gleichberechtigung der Frauen realisieren könne, ging das nicht mit einer Entlastung in der häuslichen, klassischerweise „weiblichen“, Sphäre einher: Hausarbeit und Care-Arbeit waren trotz allem immer noch „Frauensache“. Daraus resultierte eine hohe Belastung der berufstätigen Frauen in der DDR, viele mussten eine „zweite Schicht“ bewältigen.
In den inszenierten Bildern der arbeitenden Frauen kommt diese Problematik jedoch nicht zum Ausdruck. Auch in dem durch den Werktitel evozierten Kinderlied „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ wird die Doppelbelastung zwar impliziert, jedoch nicht kritisiert. Die Verantwortung wird anstatt auf Lebenspartner auf die Kinder der Familie umverteilt.

In der Werkreihe „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ finden gleich mehrere Übersetzungsprozesse ihren Ausdruck: das von der staatlichen Propaganda getragene Frauenbild in ein tatsächliches Abbild als Fotonegativ, die dann in Positive übersetzt wurden. Jahrzehnte später von Gloria Sogl im Archiv gefunden, gescannt und im Digitalen mit Fragmenten aus den Zeitungsartikeln zusammengebracht. Wieder ein Negativ daraus erstellt, ein Sieb belichtet und damit dann einen Siebdruck erstellt. Schlussendlich ist wieder das Ergebnis wieder ein Negativ. Das Digitale war in dem Fall ein Arbeitsraum, ein Werkzeug, um diese Übersetzungsprozesse zu ermöglichen.

Die Arbeiten wurden in der Siebdruckwerkstatt des Unternehmens Stölzle Lausitz umgesetzt. Das Glaswerk wurde 1889 in Weißwasser gegründete und ist der älteste noch in Weißwasser bestehende Glasbetrieb. Gedruckt wurde auf Fensterscheiben des Neufert-Baus, einem Industriedenkmal in Weißwasser, der in den 1930er Jahren als zentrales Lager- und Versandgebäude der Vereinigten Lausitzer Glaswerke gebaut wurde.
Die Arbeiten wurden im Rahmen der Abschlussausstellung der Kollision der Künste e.V. im Neufert-Bau und anschließend im Glasmuseum Weißwasser gezeigt.

Text: Anja Fröhlich

Quelle Bildmaterial: Archiv des Glasmuseums Weißwasser
Quelle Zeitungsartikel: Historisches Archiv Weißwasser

Herstellung der Siebe und Druck: Stölzle Lausitz
Künstlerische Unterstützung: Robin Gommel